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Organisationsdegeneration

Zersetzung von Innen

Von Dr.-Ing. Walter Tritt · Eine ungeschminkte Analyse

Wie entwickeln sich Organisationen im Laufe der Zeit? Und was passiert, wenn Topmanagement, Berater-Netzwerke und Hierarchien ein Eigengewinnung entfalten, das mit den urspruenglichen Zielen der Organisation wenig zu tun hat?

Die Ausgangslage

Wenn Firmen eine gewisse Groesse erreicht haben, geben sie sich meist festere Strukturen mit klareren Hierarchien. Im beginnenden 21. Jahrhundert zeichnen sich neue Entwicklungen bei sehr großen Firmen ab:

Die 10.000-Meter-Perspektive

Die Flughoehe des Topmanagements

Dermaassen rekrutiertes Top Management sieht die Welt aus eigener Erfahrungssicht. Dies ist der klare Blick in 10.000 Meter Reiseflughoehe. Die Praxis tief unten am Erdboden wird aus dieser Perspektive beobachtet.

In dieser Flughoehe kommt man schnell voran und erkennt tief unten Autobahnen als duenne Linien und die langsam dahinschleichenden Fahrzeuge. Man wundert sich auch mal, wenn man tatsaechlich genauer hinschaut, dass da vielleicht viel zu wenige Autos fahren.

Die Schlagloecher sind aus 10.000 Meter Hoehe nicht zu sehen.

Das mittlere Management, welches Praxiserfahrung mitbringt und in den Firmen oder mit sonstiger aktiver Taetigkeit gewachsen ist, kann bei dieser reinen Welt stoeren. Es hat eine viel zu kleinliche Sichtweise. Ihm fehlt einfach der Weitblick, die Klarheit. So oder aehnlich kann man dies im Top Management durchaus empfinden.

Luft wird duenn

Oben ist die Welt klar, ungetruebt, die Luft ist auch duenn. Duenne Luft bedeutet auch, dass man eine zusaetzliche Sauerstoffversorgung zum Überleben benötigt. Diese stellt das eigene Beraternetzwerk dar, aus dem man in diesen Job gekommen ist. Es ist in vielen Faellen überlebenswichtig.

Nach oben in den Hierarchien werden bevorzugt die schoenen und klaren Seiten geschildert. Es wird auch gerne gelobt und bewundert. Ein Überbringen von komplexen Problemen, gar zu Praxisnahes oder Hiobsbotschaften bedeutet möglicherweise das eigene Ende, also laesst man dies.

Die Berater-Maschinerie

Top Managementberatungsgesellschaften rekrutieren ihre Mitarbeiter meist aus dem Kreis der besten Absolventen namhafter Universitaeten. Diese zeichnen sich aus durch geschliffene Umgangsformen und hervorragende Faehigkeiten, Sachverhalte rasch aufzunehmen. Sie koennen plausibel klingende Strategien entwickeln und generell Sachverhalte gut wiedergeben und darstellen.

Aber: Ein reines Beschreiben wie man Fahrrad fahren kann genuegt hier nicht mehr. Man muss tatsaechlich auch Fahrrad fahren koennen. Dazu ist jedoch das richtige Gefuehl erforderlich. Dieses laesst sich allerdings nur nach ausreichender Fahrpraxis erwerben. Beim Fahrradfahren sind die Auswirkungen fehlenden Gefuehls unmittelbar spuerbar - man verliert das Gleichgewicht.

Die Positionierung des eigenen Netzwerkes

Die Bande muessen gepflegt werden. Es muss darauf geachtet werden, dass der Nukleus dieser Verbindung - die "eigene" Managementberatung - mit Auftraegen versorgt wird. Stoearend ist, dass andere Berater auch ehemalige Mitarbeiter in der Firma haben.

Selbstverstaendlich muessen ja auch Kosten gekappt werden. Dies macht man dann am besten durch weiteres Ausduennen des mittleren Managements. Dazu braucht man Projekte. Man weiss ja, wen man beauftragen wird.

Eine weitere wirkungsvolle Massnahme ist, dass eine Beauftragung eines Beraters nur mit Zustimmung eines hohen Managers geschehen kann. So scheiden schon einmal viele kleine Firmen aus. Welcher Manager aus dem mittleren Management moechte mit so was noch die hochrangigen Kollegen belaestigen.

Behoerden

In Behoerden ist die Akquise von innen heraus schwieriger. Hier kommt man nicht so schnell in ein leitendes Beschaeftigungsverhaeltnis. Es gibt aber gute Loesungen. Beispielsweise wird in Projekten erreicht, dass Schluesselaufgaben zu privatisierten Firmen outgesourced werden. Deren Management kann dann mit eigenen Leuten besetzt werden.

Die Auswirkungen

In der Natur findet man mannigfache Beispiele von Organismen, welche einen Wirt befallen und diesen dann zu Verhaltensweise veranlassen, welche er sonst kaum machen wuerde. Im Prinzip waere dies nichts Schlimme, wenn es den Firmen und den betroffenen Wirtschaftszweigen auf Dauer besser ginge. Nur ab und an wundert man sich schon mal über die unbefriedigende Langzeitentwicklung wichtiger Wirtschaftszweige.

Statt Visionaere und Koenner bestimmen leider zum Teil Überflieger das Geschehen. Erbsenzaehler liefern die benötigten Argumente für Fehlentscheidungen.

Beispiel: Die versiegten Zufluesse

Die kleine Baeche und die großen Fluesse

Was passiert, wenn man die vielen kleinen Rinnsale und Fluesschen, die sich in der Landschaft schlaengeln, beseitigt? Nehmen wir an, man wuerde das Wasser im Boden versickern lassen. Als plausibles Argument koennte dienen, dass dann mehr nutzbares Land zur Verfuegung stuende. Zudem sind die Baeche wirtschaftlich ja nicht nutzbar. Schiffbar machen kann man nur die groesseren Fluesse.

Was wuerde passieren? Man wird in nicht allzu langer Zeit feststellen, dass den groesseren Fluessen das Wasser ausbleibt. Die Zuflluesse sind versiegt.

Vergleichen wir dieses Wasser nun mit Passagieren der deutschen Bahn. Man erkennt verblueffende Parallelen. Schon vor vielen Jahren wurden die meisten Nebengleise stillgelegt. Sie waren unwirtschaftlich. Verbleibende Busverbindungen wurden unter Kostendruck ebenfalls ausgeduennt. In Folge nutzen die Menschen in laendlichen Gegenden verstaerkt das eigene Fahrzeug. Auf den vielbefahrenen Hauptstrecken stagnieren seitdem die Passagierzahlen.

Bei der deutschen Briefpost beginnt gerade ein vergleichbarer Prozess. Viele Briefkaesten wurden bereits abgeschafft. Hier werden die Menschen in rascherem Tempo auf Mails ausweichen.

Die verlorenen Geschaefte sind kaum zurückzuerobern.

Fazit

In einschlaegigen Krimis erfragen Kriminalisten, wem ein Verbrechen letzendlich genutzt haben wird. So finden sie im Endeffekt oft den Taeter. Solche Faelle sind schnelllebig und damit besser überschaubar. In unseren Faellen der Wirtschaft hat man es mit Entwicklungen über 10, 20 und 30 Jahren zu tun.

Wem sollen Firmen langfristig nutzen? Wem nuetzen sie tatsaechlich? Kommen Aktionaere und Mitarbeiter vielleicht etwas zu kurz? Wenn Firmen ihren Investoren und Beschaeftigten nicht die benötigte Fairness entgegenbringen, wohin werden diese ausweichen? Welche Folgen treten auf?

Ein ordentlicher Abschluss dieses Artikels verlangt hier noch den ein oder anderen Loesungsansatz. Doch so einfach wollen wir es uns nicht machen. Interessierte Leser dieser Unterlage sind faehig, eigene Überlegungen anzustellen. Viel Spass dabei.

Eine Alternative zu Zersetzung und Fremdsteuerung:

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Original: "Organisationsdegeneration - Zersetzung von Innen" von Dr.-Ing. Walter Tritt. Weitere Publikationen unter www.scwt.de.